Until We Talk – Israel, Palästina und das Überwinden von Feindbildern: Über Entmenschlichung, Wissenschaft und die Kraft echten Dialogs
Caroline Stamm, Master Plus-Alumna
„Es gibt kein christliches, kein jüdisches, kein muslimisches Blut – es gibt nur menschliches Blut.“ — Margot Friedländer
Im polarisierten Diskurs über Israel und Palästina droht diese Grunderkenntnis schnell verloren zu gehen. Hinter politischen Positionen, historischen Deutungen und moralischen Zuschreibungen verschwinden leicht die Menschen selbst – mit ihren Biografien, Verlusten, Ängsten und Traumata, die sich über Generationen fortschreiben.
Wo erlittenes Leid neue Feindbilder verfestigt, werden Individuen auf abstrakte Kollektive reduziert – auf "die Israelis" oder "die Palästinenser". Diese Entfremdung zu durchbrechen, ist eine der dringendsten Aufgaben unserer Zeit. Das bedeutet nicht, politisches Unrecht oder Verantwortung zu relativieren. Es bedeutet anzuerkennen, dass das Leid der einen Seite nicht dadurch kleiner wird, dass auch die andere leidet. Genau hier beginnt Dialog: nicht mit Einigkeit, sondern mit der Bereitschaft zuzuhören.
Als Bildungswissenschaftlerin beschäftigt mich die Frage, wie Perspektivwechsel, gesellschaftliches Lernen und Verständigung gelingen können. Wissenschaftliche Erkenntnisse entfalten ihre demokratische Kraft erst dann, wenn sie den akademischen Raum verlassen und mit Menschen ins Gespräch kommen. Aus dieser Überzeugung heraus engagiere ich mich im Lumumba Institute. Das ehrenamtlich getragene Institut setzt sich mit öffentlichem Dialog, Bildungsarbeit, Interviews und Kampagnen für soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte sowie dekoloniale und klimapolitische Perspektiven ein.
Dank der Förderung durch die Claussen-Simon-Stiftung über den "Mach den Unterschied!"-Fonds konnten wir im Juni 2026 ein Dialogprojekt mit dem israelischen Historiker und Genozidforscher Prof. Omer Bartov realisieren: ein ausführliches Studiointerview sowie eine öffentliche Abendveranstaltung mit Filmvorführung, Vortrag und Diskussion.
Einen besonderen Stellenwert hatte die Vorführung des Dokumentarfilms "Until We Talk". Im Zentrum stehen der Israeli Rami Elhanan und der Palästinenser Bassam Aramin. Beide haben ihre Töchter durch Gewalt der jeweils anderen Seite verloren. Statt in Verbitterung zu verharren, verbindet sie heute eine tiefe Freundschaft und der gemeinsame Einsatz gegen den Kreislauf aus Trauma und Vergeltung. Ihre Haltung relativiert kein erlittenes Unrecht – sie verweigert sich der Logik, dass Schmerz zwangsläufig neuen Hass erzeugen muss.
Damit berührt ihre Freundschaft zugleich eine politische Frage: Was geschieht, wenn individuelle und kollektive Traumata nicht länger dazu dienen, immer neue Abgrenzung und Gewalt zu legitimieren, sondern zum Ausgangspunkt für Verständigung werden? Wie lässt sich verhindern, dass Schmerz politisch instrumentalisiert und von Generation zu Generation weitergegeben wird?
Besonders gefreut hat uns, dass mit Robin Scheller, einem der Produzenten und Kameraleute des Films, auch jemand aus dem Filmteam selbst an der Veranstaltung teilnahm. Dadurch war „Until We Talk“ nicht nur Gegenstand einer Vorführung, sondern Teil eines unmittelbaren Gesprächs über die Entstehung des Films und die Menschen, deren Geschichte er erzählt.
An diese persönliche Perspektive schloss die wissenschaftliche Einordnung durch Omer Bartov an. Gerade seine eigene Biografie macht diesen Zugang bemerkenswert. Bartov wurde in Israel geboren, wuchs in einem zionistisch geprägten Umfeld auf und diente als Offizier in der israelischen Armee. Als jüdisch-israelischer Historiker und Holocaust- und Genozidforscher setzt er sich heute kritisch mit der politischen Entwicklung Israels und mit der Frage auseinander, was aus den zionistischen Vorstellungen geworden ist, mit denen er selbst aufgewachsen ist.
Seine Perspektive ist damit nicht die eines distanzierten Außenstehenden. Sie verbindet wissenschaftliche Analyse mit der Reflexion der eigenen politischen und biografischen Prägung. Bartov vertritt dabei weiterhin das Recht jüdischer Selbstbestimmung, verbindet dieses aber ausdrücklich mit demselben Recht der Palästinenser und kritisiert Formen von Zionismus, die dieses Recht aus seiner Sicht anderen verwehren. Bereits im Studiointerview sprachen wir mit ihm über den Krieg in Gaza, Fragen der Genozidforschung, die deutsch-israelischen Beziehungen und die politischen und historischen Entwicklungen, die er auch in seinem 2026 erschienenen Buch: "Israel: What Went Wrong?" untersucht.
Die Stärke der Veranstaltung lag für mich im Zusammenspiel dieser Ebenen: "Until We Talk" machte Verlust, Trauma und die Überwindung von Feindbildern persönlich erfahrbar; Bartov ordnete die politischen Entwicklungen historisch und wissenschaftlich ein; das anschließende Publikumsgespräch brachte beides zusammen.
Diese Diskussion habe ich als besonders gelungen erlebt: konzentriert, offen und getragen von echtem Interesse und großer Sensibilität im Umgang mit unterschiedlichen Perspektiven. Genau darin zeigt sich für mich, was Wissenschaftskommunikation und demokratische Bildung leisten können – Menschen informieren, zum Perspektivwechsel anregen und einen respektvollen Austausch ermöglichen. Die Unterstützung der Claussen-Simon-Stfitung machte eine professionelle Umsetzung dieses Ansatzes möglich.
Was für mich bleibt, ist die Überzeugung, dass dort, wo Traumata und Feindbilder tief reichen, Wissen, Begegnung und Gespräch unverzichtbar sind, um Kreisläufe von Gewalt, Hass und Entfremdung zu durchbrechen. Vielleicht liegt genau darin die Botschaft von "Until We Talk": Entfremdung beginnt dort zu weichen, wo Menschen einander wieder als Menschen begegnen.
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