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Klimaschutz vor der Haustür: Wer begegnet ihm – und wer nicht?
Timon Kollhoff, B-First-Alumnus
limaschutz wird häufig auf einer abstrakten Ebene diskutiert. Wir betrachten ihn vor allem als Reduktionsziel, als politisches Programm, als technologische Herausforde-rung oder als Frage internationaler Vereinbarungen. Diese Perspektiven sind notwendig, greifen allerdings zu kurz. Denn Klimaschutz wird nicht nur beschlossen, sondern muss letztlich lokal umgesetzt werden. Städte bauen u.a. den öffentlichen Nahverkehr aus, elektrifizieren Mobilität, fördern energetische Sanierungen oder schaffen neue Fahrradwege. Solche Maßnahmen sind zentrale Bestandteile kommunaler Klimapolitik. Aber auch sie allein reichen noch nicht aus, wenn Klimaschutz gesellschaftlich getragen, verstanden und langfristig akzeptiert werden soll.
Wirksamer Klimaschutz vor Ort ist nicht nur Infrastrukturpolitik. Er lebt davon, dass Menschen ihn im Alltag sehen, verstehen und mitgestalten können. Klimaschutz wird so nicht nur als staatliche Vorgabe oder technischer Umbau erfahrbar, sondern als konkre-te soziale Praxis zum Beispiel in Bildungsangeboten, Workshops oder Mitmachaktionen wie gemeinsamen Pflanzaktionen zur Bindung von CO₂. Solche Projekte können Wissen vermitteln, Beteiligung ermöglichen und zeigen, dass Klimaschutz auch lokal, gemein-schaftlich und niedrigschwellig praktiziert werden kann.
Im Rahmen eines studentischen Forschungsprojekt am DDLitLab der Universität Hamburg untersuchte ich gemeinsam mit zwei Kommiliton:innen die räumliche Verteilung von Klimaschutzprojekten in Hamburg. Uns interessierte, wo Projekte konkret stattfanden, wer sie trug und ob ihre Verteilung mit sozialstrukturellen Merkmalen der Hamburger Stadtteile zusammenhängt.
Warum lokale Klimaschutzprojekte politisch relevant sind
Ausgangspunkt war eine theoretische Spannung. Zum einen deuten zahlreiche Studien darauf hin, dass Unterstützung für Klimaschutz und klimapolitische Maßnahmen sozial ungleich verteilt sind. Menschen mit einem allgemein niedrigeren Sozialstatus, zum Beispiel einem geringen Einkommen oder niedrigerer Bildung bewerten Klimaschutzmaßnahmen tendenziell skeptischer oder sorgen sich stärker um die ökonomischen Folgen der Transformation (Europäische Kommission, 2023; Droste & Wendt, 2021; Holzmann & Wolf, 2023). Und zum anderen verweist die Forschung zu sozialer Akzeptanz darauf, dass Zuspruch zu Klimaschutz nicht allein aus abstrakter Zustimmung zu Klimazielen entsteht, sondern auch durch lokale Erfahrung, Beteiligung, Vertrauen und wahrgenommene Fairness geprägt wird. Forschung zu erneuerbaren Energien unterscheidet deshalb zwischen soziopolitischer, marktbezogener und lokaler Akzeptanz (Wüstenhagen et al., 2007). An Windenergie zeigt sich beispielsweise, dass lokale Konflikte nicht einfach mit "not in my backyard" erklärt werden können, sondern mit Ortsbindung, Beteiligung und Verfahrensgerechtigkeit zusammenhängen (Wolsink, 2007; Devine-Wright, 2009).
Für unser Projekt war dabei nicht entscheidend, Infrastrukturtypen zu untersuchen. Wir haben nicht kartiert, wo Windräder oder Solaranlagen stehen oder wie gut das Fahrradwegenetz von Hamburg ausgebaut ist. Entscheidend war, dass Klimaschutz vor Ort erfahrbar wird. Wenn lokale Sichtbarkeit und Beteiligung für Akzeptanz relevant sein können und zudem die Unterstützung von sowie Verständnis für Klimaschutz zwischen sozialen Gruppen variiert, stellt sich daraus folglich die vorgelagerte Frage, ob lokale Kontaktflächen überhaupt gleich verteilt sind. Anders formuliert: Wer begegnet Klimaschutz im Alltag – und wer nicht?
Damit knüpft unser Projekt an Debatten um Umwelt- und Klimagerechtigkeit an. Umweltgerechtigkeit fragt klassisch, ob Umweltbelastungen wie Lärm, Hitze, Luftverschmutzung oder fehlende Grünflächen sozial ungleich verteilt sind. Das Umweltbundesamt hält fest, dass Menschen mit geringem Einkommen und niedriger Bildung häufig höheren Umweltbelastungen ausgesetzt sind als sozial besser gestellte Gruppen (Umweltbundesamt, 2025). Unser Projekt drehte diese Perspektive um. Nicht nur die Verteilung von Belastungen ist relevant, sondern auch die Verteilung von klimapolitischen Ressourcen und damit von Wissen, Beteiligung und ggf. der Erfahrung, dass wirksamer Klimaschutz nicht immer mit Kosten verbunden sein muss.
Dabei interessierte uns nicht nur die Gesamtzahl der Projekte, sondern auch die Frage, wer sie trägt. Wir unterschieden insbesondere zwischen städtischen Akteuren und zivilgesellschaftlichen Akteuren wie Vereinen, Initiativen, Stiftungen oder NGOs.
Wer begegnet Klimaschutz vor Ort?
Aus unserem theoretischen Ausgangspunkt leiteten wir drei Annahmen ab. Erstens vermuteten wir, dass Klimaschutzprojekte in Hamburg eher in Stadtteilen mit höherem Sozialstatus stattfinden. Wenn Menschen mit niedrigem Sozialstatus in der Tendenz Klimaschutz weniger unterstützen (Europäische Kommission, 2023; Holzmann & Wolf, 2023) wohingegen Klimaschutz vor Ort, der Teilhabe ermöglicht und sichtbar ist, Akzeptanz fördern kann (Wüstenhagen et al., 2007; Wolsink, 2007; Devine-Wright, 2009), kann auf Kontextebene vorerst gefolgert werden, dass Klimaschutzprojekte vermehrt in Stadtteilen mit hohem Sozialstatus stattfinden.
Zweitens erwarteten wir, dass zivilgesellschaftliche Klimaschutzprojekte besonders stark mit sozialstrukturellen Ressourcen zusammenhängen. Diese Annahme beruht darauf, dass zivilgesellschaftliches Engagement zwar wichtige Beteiligungsräume schaffen kann, aber zugleich selbst an Ressourcen gebunden ist. Engagement benötigt Zeit, Wissen, Netzwerke, organisatorische Fähigkeiten und häufig auch Kontakte zu Verwaltung oder Förderstrukturen. Diese Voraussetzungen sind selbst sozial ungleich verteilt.
Drittens nahmen wir daraus folgend an, dass zivilgesellschaftliche Projekte räumlich selektiver verteilt sind als Projekte der Stadt und ein Treiber der vermuteten Ungleichverteilung sein könnten. Während zivilgesellschaftliche Projekte stärker aus lokalen Netzwerken, freiwilligem Engagement und vorhandenen Ressourcen heraus entstehen, haben städtische Akteur:innen eher den Auftrag, das gesamte Stadtgebiet in den Blick zu nehmen.
Wie wir Klimaschutzprojekte in Hamburg erfasst haben
Um diese Annahmen zu prüfen, mussten wir zunächst einen eigenen Datensatz auf-bauen. Für Hamburg existiert keine vollständige, zentrale Übersicht darüber, wo Klimaschutzprojekte stattfinden. Wir identifizierten Projekte deshalb über öffentliche Quellen, Online-Recherchen sowie Anfragen an städtische und zivilgesellschaftliche Akteur:innen und vermerkten ihre Verteilung im Stadtgebiet. Diese geocodierten Projektstandorte konnten wir danach mit sozialstrukturellen Informationen auf Ebene der Hamburger Stadtteile verbinden.
Eine zentrale methodische Entscheidung war die Definition dessen, was überhaupt als Klimaschutzprojekt zählt. Wir verstehen darunter organisierte, öffentlich sichtbare Maßnahmen mit erkennbarem Klimaschutzziel. Dazu gehören Maßnahmen zur Emissi-onsminderung, aber auch Klimaschutzbildung. Nicht einbezogen wurden private Einzelhandlungen, allgemeine Umweltaktionen ohne primären Klimaschutzbezug oder Maßnahmen, die vor allem der Anpassung an Klimawandelfolgen dienen, wie z.B. der Bau klimaresilienter Infrastruktur. Eine Müllsammelaktion am Elbstrand ist natürlich ökologisch sinnvoll und kann letztlich positive Effekte für das Klima haben, ist aber nicht automatisch ein Klimaschutzprojekt, wenn sie primär dem Gewässer- oder Naturschutz dient. Diese Abgrenzung ist wichtig, weil unsere Fragestellung an die lokale Erfahrung von Klimaschutz gebunden ist. Wir mussten daher sicherstellen, dass plausibel ange-nommen werden kann, dass das jeweilige Projekt gedanklich mit Klimaschutz verknüpft wird.
Empirisch bezieht sich die Untersuchung auf Klimaschutzprojekte in Hamburg im Jahr 2023. Die Projektstandorte machten wir auf einer interaktiven Karte sichtbar. Diese Karte ist dabei nicht nur ein Darstellungsmedium, sondern Teil unseres Forschungsbeitrags. Gerade weil Klimaschutzprojekte nicht zentral dokumentiert sind, macht die Karte Unterschiede zwischen Akteursgruppen, mögliche Hotspots und Leerstellen sichtbar.
Was die ersten Ergebnisse zeigen
Unsere Ergebnisse fallen differenzierter aus als unsere Annahmen zunächst erwarten ließen. Auf der aggregierten Ebene – wenn alle erhobenen Klimaschutzprojekte gemeinsam betrachtet werden – zeigt sich kein eindeutiges Muster, nach dem Projekte überwiegend in Stadtteilen mit höherem Sozialstatus stattfinden. Die pauschale Annahme, Klimaschutzprojekte seien insgesamt vor allem in wohlhabenden bzw. sozial stärkeren Stadtteilen verortet, lässt sich mit unserem derzeitigen Datenstand daher nicht belastbar bestätigen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die ursprünglichen Thesen vollständig widerlegt wären. Aufgrund der kleinen und selektiven Datengrundlage sind die Ergebnisse in beide Richtungen vorsichtig zu interpretieren. Außerdem ist "Klimaschutzprojekt" keine homogene Kategorie. Unterschiedliche Akteur:innengruppen folgen unterschiedlichen Logiken. Ein städtisches Projekt wird anders geplant, finanziert und räumlich verteilt als ein zivilgesellschaftliches Projekt. Werden diese verschiedenen Projekttypen zusammen ausgewertet, können sich gegenläufige Muster überlagern und auf der Gesamt-ebene verdecken.
Genau deshalb war die akteur:innenbezogene Unterscheidung besonders wichtig. Sobald wir zwischen zivilgesellschaftlichen und städtischen Projekten differenzierten, zeigte sich ein klarerer Hinweis auf sozialräumliche Selektivität. Zivilgesellschaftliche Projekte sind in unseren Daten stärker in zentralen Lagen sichtbar, häufiger nördlich der Elbe und eher in Stadtteilen mit höherem Sozialstatus verortet. Städtische Projekte wir-ken demgegenüber räumlich gleichmäßiger verteilt.
Diese Unterscheidung darf allerdings nicht als harter Gegensatz zwischen "Staat" und "Zivilgesellschaft" missverstanden werden. Viele zivilgesellschaftliche Projekte werden ganz oder teilweise öffentlich gefördert. Unsere Zuordnung bezog sich deshalb vor allem auf Trägerschaft und Umsetzung: Wer organisiert das Projekt, wer tritt vor Ort als Ak-teur:in auf, wer schafft die konkrete Kontaktfläche zu Klimaschutz? Gerade dadurch wird der Befund interessant. Auch öffentlich geförderter Klimaschutz kann sozialräumlich selektiv sichtbar werden, wenn seine Umsetzung von lokalen Netzwerken, Antrags- und Organisationskapazitäten, ehrenamtlicher Zeit und vorhandenen Ressourcen abhängt.
Was daraus (nicht) folgt
Daraus folgt jedoch noch kein abschließendes Urteil über eine gerechte oder ungerech-te Verteilung. Wir haben nur Daten für ein Jahr ausgewertet und konnten nur Projekte erfassen, die öffentlich, dokumentiert und georeferenzierbar waren. Damit war Sicht-barkeit nicht nur der Untersuchungsgegenstand, sondern auch eine methodische Vo-raussetzung. Projekte mit guter Öffentlichkeitsarbeit, gepflegter Website oder instituti-onellen Ressourcen sind leichter auffindbar als kleinere, informelle oder weniger digital präsente Initiativen. Zudem haben wir keine Wirkungsanalyse durchgeführt. Wir wissen nicht, ob Menschen tatsächlich an den Projekten teilgenommen oder diese zur Kenntnis genommen haben, ob sich dadurch ihre Einstellungen verändert haben und welche Pro-jekte oder Projekttypen dafür am "effektivsten" sind. Wir haben nicht Menschen befragt, sondern Orte untersucht.
Der Befund zeigt aber, dass die bloße Betrachtung der Existenz von Projekten zu kurz greift. Ein städtisches Informationsangebot, ein öffentlich geförderter Workshop, eine zivilgesellschaftliche Mitmachaktion oder ein dauerhaftes lokales Projekt schaffen un-terschiedliche Formen von Sichtbarkeit, Beteiligungsmöglichkeit und Kontakt zu Klimaschutz. Selbst bei der Feststellung einer hypothetischen Gleichverteilung von Projekten kann es weiterhin eine Ungleichverteilung von besonders niedrigschwelligen und nützli-chen Teilhabemöglichkeiten geben. Deshalb ist weiterhin relevant zu fragen, wer Projekte trägt, unter welchen Bedingungen sie entstehen und in welchen Räumen sie sichtbar werden. Wenn insbesondere zivilgesellschaftliche Projekte eher in ressourcenstärkeren Räumen sichtbar werden, verweist das demnach nicht automatisch auf eine ungerechte Versorgung, aber auf eine mögliche sozialräumliche Selektivität bestimmter lokaler Teilhabestrukturen. Das Problem wäre dann nicht, dass es anderswo gar keinen Klima-schutz und keine Teilhabe gibt, sondern dass gerade die oftmals sehr beteiligungsorien-tierten, niedrigschwelligen Formen von zivilgesellschaftlichem Klimaschutz ungleich sichtbarer werden könnten.
Die Frage nach der räumlichen Sichtbarkeit von Klimaschutzprojekten bleibt daher ein sinnvoller Ausgangspunkt für weitere Forschung, weil ohne eine solche Grundlage nicht abschließend beurteilt werden kann, ob Klimaschutz vor der Haustür sozial gerecht und zugänglich ist.
Unsere Karte war dafür ein erster Prototyp. Für eine langfristige Nutzung bräuchte Hamburg jedoch eine systematische, öffentlich zugängliche und regelmäßig gepflegte Übersicht lokaler Klimaschutzprojekte. Sie könnte Bürger:innen über Angebote informieren, Initiativen vernetzen und Verwaltung sowie Politik helfen, mögliche Leerstellen zu erkennen. Gerechtigkeit würde sie nicht garantieren, aber sie würde Transparenz schaffen – und damit die Grundlage, um über eine gerechte Verteilung überhaupt sprechen zu können.
Referenzen
Europäische Kommission (2023): Special Eurobarometer 538: Climate Change.
Droste, Luigi & Wendt, Björn (2021): Who cares? Eine ländervergleichende Analyse kli-mawandelbezogener Besorgnis in Europa. Soziologie und Nachhaltigkeit, 7(1), 1–42.
Devine-Wright, Patrick (2009): Rethinking NIMBYism: The role of place attachment and place identity in explaining place-protective action. Journal of Community & Applied Social Psychology, 19(6), 426–441.
Holzmann, Sara & Wolf, Ingo (2023): Klimapolitik und soziale Gerechtigkeit. Wie die deutsche Bevölkerung Zielkonflikte in der Transformation wahrnimmt. Bertelsmann Stiftung.
Umweltbundesamt (2025): Umweltgerechtigkeit – Umwelt, Gesundheit und soziale Lage.
Wolsink, Maarten (2007): Wind power implementation: The nature of public attitudes: Equity and fairness instead of “backyard motives”. Renewable and Sustainable Energy Reviews, 11(6), 1188–1207.
Wüstenhagen, Rolf; Wolsink, Maarten & Bürer, Mary Jean (2007): Social acceptance of renewable energy innovation: An introduction to the concept. Energy Policy, 35(5), 2683–2691.
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