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Was ist Geschichte? Und kann man aus der Geschichte lernen? Eine Auseinandersetzung
Eileen Brown, Master Plus-Stipendiatin
Die Formel "aus der Geschichte lernen" ist ein weitverbreiteter politisch-moralischer Topos. Doch was bedeutet das eigentlich? Kann man tatsächlich aus der Geschichte lernen? In der Regel ist der Appell, aus der Geschichte zu lernen, insbesondere im deutschen Kontext erinnerungspolitischer Natur. Historiker:innen beschäftigen sich mit dieser Frage kaum, allenfalls in der Geschichtstheorie oder Geschichtsphilosophie. Dieser Beitrag ist keine umfassende Abhandlung, sondern soll lediglich als Denkanstoß für die weitere Auseinandersetzung dienen.
Um der Frage nachzugehen, ob man aus der Geschichte lernen kann, ist es zunächst hilfreich, sich zu fragen, was mit "Geschichte" gemeint ist. Dabei orientiert sich dieser Text an den Vorstellungen des Historikers Reinhard Koselleck. Erst im 18. Jahrhundert verbreitete sich die Verwendung des Begriffs "Geschichte" im Kollektivsingular. Zuvor sprach man von "Historie" oder von "die Geschichte" als Pluralform ("Die Geschichte sind ..."). Seit der Aufklärung und im Zuge der Französischen Revolution erfuhr die "Historie" einen Bedeutungswandel: Sie wurde zu "der Geschichte" und teilweise selbst zur Akteurin. So sieht beispielsweise Hegel die Geschichte nicht als bloßes Nebeneinander und Nacheinander von Ereignissen, Fakten oder zufälligen Geschehnissen, sondern als vernünftigen Prozess. In diesem Verständnis ist alles geschichtliche Geschehen Ausdruck des Weltgeistes, der sich in der Zeit entfaltet.
Der Begriff "Geschichte" kann sich auf das tatsächlich Geschehene, die Erzählungen darüber oder die Geschichtswissenschaften beziehen. Der Historiker Reinhard Koselleck argumentiert, dass Menschen "die Historie" einst als Lehrmeisterin des Lebens verstanden – "historia magistra vitae", ein Ausdruck, den Cicero prägte. Lange Zeit konnten Menschen laut Koselleck anhand bereits gemachter Erfahrungen Handlungsoptionen für eine mögliche Zukunft ableiten. Erfahrungsraum und Erwartungshorizont der Menschen lagen nah beieinander. Um aus der Historie Lehren ziehen zu können, müssen laut Koselleck anthropologische und/oder den Geschehnissen innewohnende Konstanten, also Merkmale, die Menschen in allen Kulturen und über alle Zeiten hinweg teilen, vorausgesetzt werden. Nur so könnte überhaupt eine Ähnlichkeit geschichtlicher Prozesse behauptet werden. Die fehlende Wiederholbarkeit wird von Koselleck zurecht problematisiert.
Mit der Ausdehnung des Erfahrungsraums ändert sich die Geschichtserwartung – der Erwartungshorizont öffnet sich. Laut Koselleck bedeutet dies, dass sich durch politische und technische Revolutionen die Lebenswelten der Menschen so drastisch änderten, dass sie die Erfahrung machten, dass sich das Zukünftige nicht mehr aus dem Bisherigen ableiten ließ. Unabhängig davon, ob man Kosellecks Theorie über das Auseinanderklaffen von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont seit der Frühen Neuzeit überzeugend findet oder nicht, bleibt das Problem der Wiederholbarkeit historischer Prozesse bestehen. Ganz abgesehen von Fragen zur menschlichen Natur oder anthropologischen Konstanten, mit denen sich andere Disziplinen befassen.
Wenn davon die Rede ist, aus der Geschichte zu lernen, ist damit in der Regel ein Appell verbunden, sich mit dem tatsächlich Geschehenen und der Erzählung darüber auseinanderzusetzen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass das Geschehene vorbei ist und selbst die besten Historiker:innen nur eine Annäherung an die historische Wahrheit erzählen können.
Der Historiker Hayden White sagt dazu: "Historical narratives are not determined by the facts themselves; they are selected, organized, and given meaning through the imposition of a narrative structure." – Im Deutschen würde dies etwa so klingen: "Historische Erzählungen werden nicht durch die Fakten selbst bestimmt; sie werden ausgewählt, organisiert und durch die Aufsetzung einer narrativen Struktur mit Bedeutung versehen." Hinzu kommt, dass die Geschichtswissenschaften aufgrund neuer Erkenntnisse und Methoden immer wieder neue Perspektiven auf Geschehnisse ermöglichen. Dies ist, nebenbei bemerkt, das Wunderliche an den Geschichtswissenschaften – sie schreiben sich immer wieder neu.
Wie auch immer Geschichtserzählung, Geschichte oder Historie konstruiert sein mögen, aus Erzählungen gewinnen Gesellschaften Erkenntnisse über die Vergangenheit und Lehren für die Zukunft. "Aus der Geschichte lernen" bedeutet also im Allgemeinverständnis, über Wissen zu verfügen und auf dessen Grundlage Entscheidungen zu treffen.
Koselleck bezieht sich vor allem auf den zweiten Punkt, das Handeln. Allerdings greifen beide Ansätze ineinander. Für das reine Reflektieren historischer Prozesse sind anthropologische Konstanten und die Wiederholbarkeit von Prozessen nicht zentral. Dies führt uns zu der Frage, wer aus der Geschichte lernen soll. Ein Individuum lernt bereits durch die Beschäftigung mit historischen Erzählungen und zieht bewusst oder unbewusst Schlüsse daraus, die es in Handlungen umsetzen kann. Im erinnerungspolitischen Kontext sind dagegen meist Gesellschaften gemeint, die aus der Geschichte lernen sollen. Jedoch – die Verlierer lernen auch aus der Geschichte. Sie werden andere Schlüsse ziehen als Gewinner. Darauf verweist der Historiker Herfried Münkler in seiner Beschäftigung mit der hier diskutierten Frage. Die Lehren aus den Weltkriegen sind für die USA andere als für Deutschland. Rechtsnationale werden aus dem Machtverlust ihrer Vordenker Schlüsse gezogen haben. Militärstrategien, Legalitätskurse*, Revolutionen – häufig sind die aus Niederlagen gewonnenen Erfahrungsbestände von zentraler Bedeutung.
Die Frage ist also nicht nur, ob man aus der Geschichte lernen kann, sondern auch, was. Diese Frage wird ideologisch höchst unterschiedlich beantwortet. Aus der Geschichte, wie Münkler es formuliert, "das Richtige" zu lernen, also eine Lehre zu ziehen und die Erkenntnisse beispielsweise erinnerungspolitisch umzusetzen, ist vor allem eine Machtfrage. Denn bereits die Erkenntnisse, die aus historischen Erzählungen resultieren, hängen mit Macht zusammen. Es geht um die Umstände, die Geschichtserzählungen bestimmter Perspektiven überhaupt erst entstehen lassen und die dann über akademische Institutionen, Medien und Schulunterricht in einem demokratisch konstituierten Deutschland diskutiert und verbreitet werden, in welchem dem Wort nach das Volk die Macht innehat.
Geschichte wiederholt sich nicht. Sie bietet uns also keine Handlungsanweisung für die Gegenwart. Aber wir können Verhaltensmuster identifizieren, die uns etwas über den Charakter von Institutionen, Gesellschaften, Strukturen und Menschen sagen. Was wir aus der Geschichte lernen und welche Handlungen wir daraus ableiten, hängt jedoch stark von den Fragestellungen und den Machtstrukturen ab. Das Vergangene zu verstehen, ist eine Grundvoraussetzung, um die Zukunft zu gestalten.
* Ein Legalitätskurs ist ein politischer Kurs, der bewusst innerhalb der bestehenden Gesetze agiert (statt revolutionär oder putschistisch), um Macht zu gewinnen oder auszubauen – etwa bei der NSDAP in der Weimarer Republik oder bei der SPD im Kaiserreich.
Literatur
Koselleck, Reinhart: "Historia magistra vitae. Über die Auflösung des Topos im Horizont neuzeitlich bewegter Geschichte". In: Ders., Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt a. M. 1995, S. 38–66.
Herfried Münkler, "Kann man aus der Geschichte lernen? (Teil 8)", in: Zeitgeschichte-Online, 25.9.2023, URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/herfried-muenkler-teil-8-kann-man-aus-der-geschichte-lernen (Zugriff am 15. Oktober 2025).
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